Meine Recherchen, die weit in die Vergangenheit führten, beginnen in der Normandie. In den gefundenen Texten liest sich das so:

Während des 9. Jh. zogen Wikinger = Nordmänner durch Nord- und Mittelfrankreich und plünderten Dörfer, Städte und Klöster. Die westfränkischen Könige hatten ihnen kaum etwas entgegenzusetzen. Am Ende dieser Kämpfe stand der Vertrag von St. Clair-sur-Epte von 911, in dem festgehalten wurde, dass diese Normannen Christen werden, dem französischen König den Lehnseid leisten und die Küsten von anderen räuberischen Normannen schützen sollten. Als Gegenleistung erhielten sie die Normandie (Anm.: Land der Nordmänner) als Lehns -und Siedlungsgebiet.
(gekürzter Ausschnitt aus "Die Normannen" von Michael Max Wolf)

Um zu verstehen, wie unser Familienname entstanden ist, muss ich noch weiter ausholen:

In der Bischofsstadt Tours kam um das Jahr 1030 Martyn (de Tours) als Sohn de Normannen Nicholas de Cainais (manchmal auch Caineis geschrieben) zur Welt. Französisch ausgesprochen klingt Cainais (wenn man den letzten Konsonant mitspricht) Känäs fast wie Keymes. Dieser Martyn soll ein direkter Nachfahre des Heiligen Martin von Tours, dem Schutzpatron Frankeichs sein, dem wir den Martinszug - und soweit magenverträglich - “jut jebratene Jänse als jute jabe Jottes” verdanken.

Im Jahre 1066 brach der Normanne Wilhelm der Eroberer, Herzog der Normandie, nach England auf, wo er in der Schlacht von Hastings den britischen Thron erstreiten wollte, auf den er glaubte, einen Anspruch zu haben. Martyn de Tours kämpfte als General an seiner Seite.

Die Schlacht wurde gewonnen und Wilhelm ließ sich zum König von England krönen. Seine “Mitstreiter” wurden von ihm reich belohnt. Martyn erhielt den Titel eines Lords mit den Privilegien eines Marcher Lords und dazu große Ländereien in Süd-Wales. Dort gründete er - wie es heißt - Keymes (manchmal auch Cemeas geschrieben). Mein gefundenes Material gab leider nicht her, ob dies die Bezeichnung für eine Ortschaft oder einen Landstrich wie z.B. Siebengebirge, Hunsrück oder Eifel war. Es ist aber nicht abwegig, dass bei der Namensgebung der Name seines Vaters, Nicholas de Cainais, eine Rolle gespielt hat.

Der Name Keymes hat wegen der Lautverschiebungen vom Französischen ins Englische etliche Abwandlungen erfahren, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Schreibweise vielfach aus dem Phonetischen resultierte. (Beispiele: Cemaes, Kemis, Kemess, Keymis, Camais, Kemys u.a.). Wales war seit dem 13. Jh. ein Fürstentum und besaß eine Sonderstellung, wurde aber im 16. Jh. nach einigen Rebellionen der englischen Krone einverleibt. In diesen unruhigen Zeiten wanderten viele Waliser aus, vor allem in die USA, aber auch in europäische Länder. Teilweise wurden sie sogar des Landes verwiesen unter erzwungener Aufgabe ihres Besitzes. Letztere waren den Royalisten offensichtlich zu rebellisch (typisches Merkmal der Kelten, die auch heute noch in den von ihnen bewohnten Gebieten – dazu gehört auch Wales – nach Unabhängigkeit streben).

Die Auswanderung erklärt, warum der Name Keymes – auch in abgewandelter Form – heute noch in Amerika ziemlich verbreitet ist. Dazu muss man wissen, dass Nachnamen früher nicht üblich waren. Man hatte einen Vornamen, den man um den Herkunftsort ergänzte. Martyn de Tours stammte aus der Stadt Tours und sein Vater, Nicholas de Cainais, wahrscheinlich aus Straßburg. Diese Stadt ist bekannt für seine vielen Wasserstraßen. Interessanterweise gibt es in Straßburg noch heute einen Ortsteil Cainais, was wohl auf die vielen Kanäle zurückzuführen ist. (Das Wort Cainais ist portugiesisch und heißt Kanäle). Genaueres habe ich leider nicht herausfinden können. Aber es liegt nahe, dass der Vater von Martyn eben jener “Nicholas von den Kanälen” war.

Ein typisches Beispiel für eine Herkunftsbezeichnung liefert der Eiffelturm. Es ist wenig bekannt, dass dessen Erbauer, Alexandre Gustave Eiffel, ein Nachfahre von Leo Heinrich Böninckhausen, einem Lehrer aus dem Eifelstädtchen Marmagen war. Dessen Sohn Wilhelm wanderte 1710 nach Frankreich aus und verrichtete in der Nähe von Dijon in den Wäldern des französischen Königs einen Dienst als Förster. Dort nannte er sich aufgrund seiner Herkunft “Böninckhausen dit Eiffel”(alte Schreibweise mit doppeltem f). In Frankreich war er der Mann, der aus der Eifel kam. In Anbetracht der deutsch-französischen Spannungen legten seine inzwischen etablierten Nachfahren im 19. Jahrhundert den Namen Böninckhausen ab, weil eine Betonung der deutschen Abstammung nicht förderlich war.

Zu diesem Thema finden sich noch weitere Parallelen. Juden benannten sich oft nach der Stadt, in der sie lebten. Henry Kissinger ist ein typisches Beispiel dafür. Seine Familie stammte aus Bad Kissingen. Man hängte an den Städtenamen einfach ein “er” an. So entstanden jüdische Namen wie Berliner, Hamburger, Frankfurter usw.

Doch zurück nach Wales. Die Familien, die aus Keymes stammten, fügten diesen Ort als Nachnamen an. Wir sind also direkte Nachkommen dieser ausgewanderten Bewohner, von denen sich einige offensichtlich auch in Holland niedergelassen haben, vornehmlich in der Provinz Limburg. Wir können uns zwar nicht als direkte Nachkommen von Martyn des Tours bezeichnen, aber er war mit Sicherheit der Namensgeber unserer Familie, die Normannen und somit Nachfahren der Kelten waren.

In diesem Zusammenhang möchte ich den bedeutenden Ökonom John Maynard KEYNES erwähnen, dessen Name “verdächtige” Ähnlichkeit mit Keymes aufweist. Keynes entstammte einer uralten englischen Familie, die sich – wie seine eigene Ahnenforschung ergab – bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Damit wären wir wieder bei Martyn de Tours angekommen.

Ob wie nun Keimes, Keymes, Keynes, Cemeas oder ähnlich heißen, ich bin sicher, wir haben alle die gleichen Wurzeln.

Julia Bell (geb. Keymes)